Zwei AfD-Mandatsträger wechseln im Werra-Meißner-Kreis zur Partei Die HEIMAT – eine Randnotiz, könnte man meinen. Wenn da nicht die unbequeme Pointe wäre, dass ausgerechnet die Totgesagten wieder Beute gemacht haben.

Es gibt im deutschen Parteienbetrieb eine feststehende Regel: Wenn alle sagen, eine Partei sei erledigt, dann ist sie erledigt. Man hat das geübt mit den Piraten, mit der Werteunion, zeitweise mit der FDP. Nur bei der Partei Die HEIMAT will diese Regel partout nicht greifen. Sie wird seit Jahren in regelmäßigen Abständen für tot erklärt, zuletzt nach der Umbenennung, die mancher als kosmetische Rettungsaktion las. Und dann kommt eine Meldung aus Nordhessen und stört die Totenwache.

Maik Böhning und Florian Döring, beide aus Wanfried, beide bislang für die AfD im Kreistag des Werra-Meißner-Kreises und in der Wanfrieder Stadtverordnetenversammlung, sind zur Heimat übergetreten. Dank des freien Mandats, das die Kommunalpolitik vor parteiinterner Ordnungsmacht schützt, behalten sie ihre Sitze. In Wanfried wollen sie künftig eine eigene HEIMAT-Fraktion bilden, zwei Sitze genügen dafür. Im Kreistag wären drei nötig; das sei, so Böhning, derzeit offen. Der Kreistagsvorsitzende Felix Martin erfuhr vom Wechsel aus den Medien, was immerhin beweist, dass Medien gelegentlich noch für etwas gut sind. Auf die Ausschüsse, ließ er wissen, habe das Ganze zunächst keine Auswirkungen. Man liest die Beruhigung und hört das Zähneknirschen gleich mit.

Böhning sagt, er habe sich mit dem Programm der Heimat auseinandergesetzt und sehe keine großen Unterschiede zu den Positionen der AfD. Eine Bemerkung, die er vermutlich eher beiläufig fallen ließ und die doch die ganze Absurdität der Abgrenzungsrituale seiner Ex-Partei freilegt. Wenn ein Gewählter der AfD-Politiker keine großen Unterschiede zur HEIMAT erkennen kann, stellt sich nämlich die Frage, wen die AfD mit ihren vielbeschworenen Unvereinbarkeitslisten eigentlich noch ausschließen will. Nähme man es ganz genau, müsste sie auf ihrer eigenen Abgrenzungsliste stehen. Sicher ist jedenfalls: Die AfD ist im Kreistag nun nicht mehr drittstärkste Kraft, sondern teilt sich Platz vier mit den Grünen.

Als wäre das nicht genug, hat die HEIMAT am Wochenende auch noch ihren Bundesparteitag abgehalten und sich, ganz ohne großes Tamtam, ein neues Programm gegeben. Der Fahrplan: Modernisierung. Die Partei will als moderne, heimatverbundene Heimatpartei wahrgenommen werden und streift damit ihr altes Korsett weiter ab. Man darf das getrost als bemerkenswert verbuchen: Während anderswo Erneuerung erfahrungsgemäß darin besteht, den Vorsitzenden auszutauschen und alles andere beim Alten zu lassen, legt die Heimat tatsächlich Hand an: Programm für Programm, Schritt für Schritt.

Die übliche Behandlung unliebsamer Parteien: Nichtbeachtung, Brandmarkung, vorzeitige Todesanzeige, hat bei der HEIMAT bislang vor allem eines bewirkt: dass sie noch da ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, sie ernst zu nehmen. Wer eine politische Kraft beharrlich unterschätzt, sollte sich nicht wundern, wenn sie ihn eines Tages überholt. Abgeschrieben hat die Republik die HEIMAT oft genug. Geblieben ist sie trotzdem. Irgendwann sollte man aus so etwas lernen. Zumindest theoretisch.