Der Ohrwurm als Ortsbestimmung
Das Berliner Duo Deutsche Vita veröffentlicht heute „Es war nicht immer so“. Ein Lied über Fremdheit in der eigenen Straße, und ein Hinweis darauf, dass die Kulturszene ihre alten Gewissheiten verliert.
Es beginnt harmlos, wie fast alles, was später Ärger macht. Ein Synthesizer, der klingt, als habe ihn jemand 1983 in einer Neuköllner Hinterhofwohnung eingeschaltet und seither nicht mehr ausgemacht. Dazu ein Bass, der brav auf den Vierteln sitzt. Und dann diese Stimme, durch ein Effektgerät nach oben weggeknickt, halb kokett, halb gereizt: „Ich gehe durch die Straßen. Wie lange ist es her, dass du und ich hier saßen?“
Man könnte das für Liebeskummer halten. Zwei Zeilen später ist klar, dass es um etwas anderes geht.
„Die Leute sehen anders aus. Die Leute reden anders. Ich fühlte mich hier immer zu Hause, doch jetzt schon längst nicht mehr.“
Deutsche Vita, „Es war nicht immer so“
Vier Zeilen, in denen mehr Gegenwartsdiagnose steckt als in manchem Feuilletonaufsatz über urbane Transformationsprozesse. Der Song erscheint an diesem Freitag, und er wird Streit machen.
Eine Band, die es nie gab
Zur Vorgeschichte. Deutsche Vita, das sind Vito Legero und Dieter Schlaghofer, zwei Kunstfiguren im Ringerhemd, ein Deutscher und ein Italiener, angeblich in einer bescheidenen Wohnung am Rande Berlins zusammengefunden. Das Projekt existiert seit 2025 und baut auf einer hübschen Fiktion auf: Man tue so, als sei man eine verschollene Elektropop-Kapelle der Neuen Deutschen Welle, irgendwo zwischen 1983 und 1992 aktiv, nun wiederentdeckt. Dazu gehören künstlich gealterte VHS-Optik, gefälschte Fernsehmitschnitte, Frakturlogo, Schwarzweißvideos. Das Debütalbum „DV1“ erschien im Dezember 2025, selbstverständlich auch auf Kassette, weil die Aura sonst nicht stimmt. Die Musiker nennen ihren Sound NNDW, Neue Neue Deutsche Welle. Man darf das für kokett halten. Es funktioniert trotzdem.
Deutsche Vita — die Eckdaten
- Besetzung: Vito Legero (Keyboard), Dieter Schlaghofer (Gesang), maskiert auftretend
- Aktiv seit: 2025, Berlin
- Debütalbum: „DV1“, Dezember 2025, zwölf Stücke auf CD, Vinyl und Kassette
- Durchbruch: „Krieg“, über eine Million Streams bei Spotify
- Selbstverortung: „Wir sind Deutsche Vita.“
- Neue Single: „Es war nicht immer so“, 21. August 2026
Der Durchbruch kam mit „Krieg“, einem Stück, das die Ohnmacht einer Generation im neuen Kalten Krieg in eine Tanzflächennummer übersetzt. Bemerkenswert daran war weniger die Streamzahl als das Publikum. Gefeiert wurde der Song zunächst von allen. Von rechten Accounts ebenso wie von einem Leipziger Bündnis gegen die Wehrpflicht, das sich am Deutsche-Vita-Sound bediente. Die Zeile „Auf geht’s, alle müssen tanzen, sogar die Fetten und die Transen“ hörte man offenbar je nach Standpunkt als Satire oder als Bekenntnis. Popmusik in ihrer produktivsten Form: doppeldeutig, anschlussfähig, unbotmäßig.
Dieser Zustand hielt genau so lange, bis die taz eine Recherche unter der Überschrift „Sound der Neuen Rechten“ veröffentlichte und die maskierten Musiker enttarnte. Kurz darauf beendete die Managementagentur Prisma die Zusammenarbeit. Das Duo antwortete mit einem Satz, der beide Lager verstimmte: Man sei weder rechts noch links, man sei Deutsche Vita. Für die einen eine halbherzige Distanzierung, für die anderen ein Einknicken. Martin Lichtmesz fragte in der Sezession ratlos, was die beiden eigentlich wollen. Willkommen im Kulturbetrieb des Jahres 2026, wo jeder Künstler zuerst seinen Ausweis vorzeigen muss und danach erst musizieren darf.
Nicht die Faust, sondern der Flur
Das Neue an „Es war nicht immer so“ ist, dass die Ausweichbewegung nicht mehr recht gelingen will. Formal bleibt alles offen, natürlich. Man kann die Strophe als Altersmelancholie lesen, als Trauer über verlorene Sommer, über Freunde, die weggezogen sind. „Früher spielten wir hier, was haben wir gelacht.“ Das ist der Stoff, aus dem Schlager seit sechzig Jahren gemacht wird.
Nur singt hier niemand von der Zeit, sondern von den Leuten. Und das Video liefert den Zaunpfahl gleich mit, eine Vorher-Nachher-Montage einer Wohnsiedlung, wie sie überall in Europa stehen könnte, Archivbilder junger Familien gegen Aufnahmen der Gegenwart. Wer mag, kann das als Migrationskritik lesen. Man muss nicht. Aber man wird.
„Doch wo ist mein Zuhause hin? … Mein leises Klagen verhallt im kalten Flur.“
Zweite Strophe
Das ist präzise beobachtet. Nicht der Zorn, sondern die Vergeblichkeit. Nicht die Faust, sondern der Flur. Wer je versucht hat, in einer Talkshow über Heimatverlust zu sprechen, kennt die Akustik dieses Flurs.
Und dann der Refrain, dieses vierfach wiederholte „Was ist passiert?“, das keine Antwort erwartet und gerade deshalb wirkt. Am Ende bleibt nur noch „Ich rufe deinen Namen“, viermal, ins Leere. Man muss kein Germanist sein, um zu ahnen, dass der Name nicht der einer Frau ist.
Die Kosten des Abweichens sinken
Interessanter als der Song ist die Frage, warum er ausgerechnet jetzt kommt. Die Kulturszene, jahrzehntelang die zuverlässigste Milieuvertretung des rot-grünen Selbstverständnisses, bekommt Risse. Nena war die erste prominente Abweichlerin, als sie sich 2020 kritisch zur Corona-Politik äußerte und dafür binnen Wochen von der Ikone der deutschen Popgeschichte zur Unperson umgewidmet wurde. Uwe Steimle kennt das Verfahren aus eigener Erfahrung. Die Liste wird länger, und sie wird nicht kürzer dadurch, dass man sie ignoriert.
Was sich verändert, ist nicht die Zahl der Abweichler, sondern die Kosten des Abweichens. Sie sinken. Ein Duo, das seine Agentur verliert und trotzdem weiter Vinyl presst, Kassetten verkauft und Millionen Streams sammelt, führt vor, dass die Torwächterfunktion des Betriebs erodiert. Man braucht kein Label mehr, um gehört zu werden. Man braucht nur ein Publikum, das ohnehin nicht mehr fragt, was der Kulturteil von einem Lied hält.
Die alte Neue Deutsche Welle war ein ähnliches Phänomen: Kinderzimmerelektronik gegen die Rockaristokratie, Ironie gegen die Bedeutungsschwere, Deutsch gegen Englisch. Dass ihre Wiedergänger vier Jahrzehnte später ausgerechnet mit dem Wort Heimat hantieren, hätte 1982 niemand für möglich gehalten. Andererseits: DAF sang von lustigen Stiefeln, Fehlfarben von einem Deutschland, in dem alles vorbei ist. So neu ist das Motiv nicht. Neu ist nur, dass es diesmal ernst gemeint sein könnte.
Bleibt der Verdacht, alles sei Kalkül, ein geschickt gebautes Vehikel für ein zahlungskräftiges Nischenpublikum. Möglich. Popmusik war noch nie besonders unschuldig, und ein Duo, das seine gesamte Existenz auf eine erfundene Biographie gründet, wird man schwerlich der Naivität überführen.
Aber das ist am Ende gleichgültig. Ein Lied ist kein Parteiprogramm, es ist eine Stimmungsmessung. Und dieses hier misst etwas, das in keiner Umfrage sauber abgebildet wird: das Gefühl, in der eigenen Straße Gast geworden zu sein. Man kann darüber streiten, ob dieses Gefühl berechtigt ist. Man kann es nicht wegdiskutieren, indem man den Sänger doxxt.
„Es war nicht immer so.“ Vier Wörter, ein Ohrwurm, eine Zumutung. Deutsche Vita hat begriffen, dass man die wirksamsten Sätze nicht ruft, sondern summt.

