Man muss sich die Szenerie einmal bildlich vorstellen. Es ist drei Uhr nachts in Berlin-Neukölln, an der Ecke Elsen- und Harzer Straße. Sanitäter finden einen Menschen auf dem Asphalt, der aus mehreren Löchern im Körper blutet. Eine fünfzig Meter lange Blutspur zieht sich über den Gehweg, ein makabrer Wegweiser der Gewalt. Nur sechzig Minuten später das nächste Schauspiel in Moabit. Diesmal eine Kneipe, drei Verletzte, viel Blut an Händen und Köpfen. Und während die Polizei versucht, das Chaos zu ordnen, macht sich einer der Verdächtigen mit Kopfverband spöttisch über die Beamten lustig. Er weiß genau, dass er in diesem Staat kaum etwas zu befürchten hat.

Das eigentlich Erschütternde an dieser Nacht ist jedoch nicht die Brutalität an sich. Es ist die beiläufige Art, mit der wir darüber hinweglesen. In den Zeitungen rangieren solche Meldungen inzwischen unter der Rubrik Vermischtes, irgendwo zwischen einer entlaufenen Katze und dem Wetterbericht für das Wochenende. Wir haben uns mit dem Messer als alltäglichem Argumentationsverstärker in den Zuwandererbezirken offenbar abgefunden. Es gehört jetzt eben zum Berliner Stadtbild wie die marode Elsenbrücke oder der Dreck in den Parks.

Die Abstumpfung als Überlebensstrategie

Wann genau haben wir eigentlich begonnen, so dermaßen abzustumpfen? Früher wäre eine solche Nacht der Stoff für Sondersendungen und wochenlange politische Debatten gewesen. Heute zuckt die Berliner Stadtgesellschaft kurz mit den Achseln und hofft, dass es beim nächsten Mal einen anderen trifft. Es ist eine schleichende Kapitulation der Zivilisation vor der Barbarei. Wer in Bezirken wie Neukölln oder Moabit lebt, hat gelernt, den Blick zu senken und die Straßenseite zu wechseln. Man nennt das in linksliberalen Kreisen dann gern Vielfalt, in Wahrheit ist es nichts anderes als die nackte Angst.

Dass die Polizei mit Hochdruck ermittelt, klingt in den Ohren der Bürger inzwischen wie eine hohle Phrase. Was nützt der Hochdruck, wenn die Täter wenig später wieder grinsend durch die Kieze laufen? Die psychisch labile Person, die am Tatort versorgt wurde, ist fast schon das perfekte Symbol für den Zustand unserer Sicherheitsarchitektur: Man behandelt die Symptome, aber man traut sich nicht an die Ursache heran. Das Messer sitzt locker, weil die Hemmschwelle durch eine jahrelange Politik der Grenzöffnung und der strafrechtlichen Milde pulverisiert wurde.

Wir leisten uns einen Staat, der bis ins kleinste Detail regelt, wie wir zu heizen oder zu sprechen haben, der es aber nicht mehr schafft, das Gewaltmonopol auf seinen eigenen Straßen durchzusetzen. Sicherheit ist in Deutschland zum Luxusgut für Bewohner bewachter Wohnanlagen geworden. Für den Rest bleibt die Hoffnung, dass der Täter mit dem Messer in der Hand gerade woanders beschäftigt ist. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz der Berliner Republik: Wer über Zuwanderergewalt spricht, gilt als Rassist. Wer sie schweigend erträgt, gilt als vorbildlich integriert in die neue Normalität.

Hören wir endlich auf, diese Übergriffe als tragische Einzelfälle zu verharmlosen. Wer ein sicheres Land will, muss die Täter beim Namen nennen und sie dorthin schicken, wo ihr Verhalten keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr darstellt. Wir brauchen keine weiteren Runden Tische gegen Rechts, sondern klare Kante gegen Messerhelden. Solange ein Täter mit Kopfverband den Polizisten noch ins Gesicht lachen kann, hat der Rechtsstaat schon verloren. Die Blutspuren von Neukölln sind Mahnmale einer gescheiterten Politik, die wir alle jeden Tag teuer bezahlen. Sichtbar, blutig und natürlich auf Ihre Kosten.